Herr Soder, SEW-EURODRIVE gehört zu den Vorreiter-Unternehmen, die schon sehr früh das Grund-Paradigma der Smart Factory umgesetzt haben. Das Produkt lenkt sich selbst durch die Produktion. Welches Potenzial verbirgt sich für SEW dahinter und was treibt Sie an, immer wieder neue Linienkonzepte zu entwerfen und diese zu testen?

Unter Berücksichtigung der Wertschöpfungsprinzipien One-Piece-Flow und kleinen, dezentralen Small-Factory-Units hat SEW-EURODRIVE begonnen, die Vision von Industrie 4.0 an den Standorten Graben-Neudorf und Bruchsal real werden zu lassen. Es wurden Konzepte für Aufgaben in der Logistik, Montage und Fertigung entwickelt und umgesetzt. Dabei befinden sich in einer Matrix angeordnete, autonome sowie modulare Maschinen und Anlagen in einer vernetzten logistischen Umgebung, die durch mobile Assistenzsysteme gebildet wird. Die mobilen Assistenzsysteme ermöglichen einen intelligenten, situationsabhängig flexiblen Materialfluss.

Die wandlungsfähige Fabrik ist ein System aus Menschen und Maschinen. Darin ermöglichen die kognitiven Fähigkeiten des Menschen (Wahrnehmung, Denken, Lernen, Erinnern, Motivation, etc.) die einfache Gestaltbarkeit des Systems, während die Maschinen ein ergonomisches, kooperierendes Zusammenarbeiten ermöglichen.

Bezogen auf die gesamte Wertschöpfungskette vom Kunden zum Kunden kann dadurch ein Rationalisierungspotenzial von ca. 50% erschlossen werden. Dieses Potenzial wird in einem evolutionären Lernprozess erkannt, verstanden und kreativ mit den Menschen im Unternehmen erschlossen.

In Ihrer Umsetzung fällt auf, dass Sie neben den neuen Linienkonzepten das Idealbild der fraktalen Fabrik und der Wertstromorientierung umgesetzt haben. Welche Rolle spielt die Aufbauorganisation in Ihrer Smart Factory und inwiefern trägt sie zum Erfolg des Fabrikkonzepts bei?

Die Umsetzung leistungsstarker Smart Factories ermöglicht einen Paradigmenwechsel im Management der Produktentstehungs- und Wertschöpfungskette. Starre Produktionsstrukturen werden in den Fabriken aufgelöst und zu aktiven, autonomen und sich selbst-organisierenden Produktionseinheiten entwickelt. Durch den modularen Fabrikaufbau sind wir in der Lage, Anpassungen schneller und kostengünstiger vorzunehmen und auf sich ändernde Rahmenbedingungen zu reagieren. Denn: Der Markt bestimmt zukünftig, was, wann und wie produziert wird. Diese Veränderungen erfordern auch einen neuen Typus Führungskraft. Operative Führungskräfte auf dem Shopfloor müssen ihre Mitarbeiter auf den anstehenden Wandel vorbereiten, sie in die neuen Prozesse miteinbinden und im Hinblick auf die Vernetzung der Bereiche innerhalb ihres Verantwortungsbereiches einen größeren Teamgeist aufbauen. Die soziale Kompetenz wird deshalb in Zukunft eine noch größere Rolle einnehmen. Führungskräfte werden zu Personalentwicklern, zu Mentoren, die sich intensiv um junge Talente kümmern, sie auf ihrem Weg begleiten, sie entwickeln. Führung ist ein zentraler Aspekt der Arbeit, der Motivation, der Unternehmenskultur. Der Mensch spielt im Ermöglichen der permanenten Wandlungsfähigkeit eine besondere Rolle. Er agiert als Dirigent der Wertschöpfung. Seine Kombinatorik, Auffassungsgabe, Sinnesempfindungen und Kreativität erlauben ein ideales Zusammenspiel mit den Möglichkeiten, die uns die neuen Technologien liefern.

Vielen Dank an Herrn Soder, Geschäftsführer Operatives Geschäft bei SEW-EURODRIVE, für das Interview.

SEW-Eurodrive können Sie live im Rahmen unseres Seminars Smart vs. Dark Factory am 28.11.19 in Graben-Neudorf erleben.